12.07.2024

Orthopädische Verlaufskontrolle von primären Hüft- und Knieendoprothesen – ist das sinnvoll?


Orthopädische Verlaufskontrolle von primären Hüft- und Knieendoprothesen – ist das sinnvoll?
Bei guten und sehr guten Langzeitergebnissen in der Fachliteratur nach primären Hüft- und Knieendoprothesen stellt sich dem Arzt und dem Patienten die Frage: Muss man eine Endoprothese nachkontrollieren und wenn ja, wann?

Überlebensrate einer Hüft-Prothese
In den internationalen Prothesenregistern zeigen sich insgesamt lange Überlebenszeiten für Standart-Endoprothesen des Knies und der Hüfte. Es hat sich gezeigt, dass nach 20 Jahren nach einer Knieprothese 8.0% revidiert werden mussten und bei Hüftprothesen 8.4%. (1,8,9) Das bedeutet, dass über 90% der Endoprothesen nach 20 Jahren noch funktionieren. Natürlich sind diese Zahlen abhängig von der Implantatwahl und auch dem Operateur.

Überlebensraten einer Knie-Prothese
Aus der amerikanischen Literatur ist bekannt, dass eine einfache Revision etwa 40% höhere Kosten als eine Primäroperation verursacht. Eine komplexe Hüft- oder Knie-TEP-Revision kann diese Kosten weiter um das 1,5-fache steigern und führt in den USA zu jährlichen Zusatzkosten von etwa 1 Milliarde US-Dollar [2].
Um die Beschwerden der Patienten/-innen sowie die Kosten für das Gesundheitssystem zu minimieren, müssen pathologische Veränderungen (Lockerungszeichen, Abnutzungszeichen, Instabilität) im Bereich einer Endoprothese möglichst früh erkannt werden. Nur so kann ein nochmaliger Eingriff möglichst klein und patientenschonend durchgeführt werden
Die gesamte verfügbare Literatur empfiehlt zwar die kontinuierliche Überwachung, ohne aber klare Zeitfenster und Untersuchungsintervalle vorzugeben.
Um eine Empfehlung aussprechen zu können muss man sich anschauen, wann ein «Prothesenversagen» auftritt. Das ist unterschiedlich je nachdem wie die Endoprothese im Knochen verankert ist (zementiert/unzementiert).
Bei Knietotalendoprothesen würde man nach einer radiologischen jährlichen Routinekontrolle in den ersten 3 Jahren nach der OP nur selten einen "Versager" mit der radiologischen Diagnostik identifizieren können: in diesem Zeitraum sind die führenden Revisionsindikationen die Instabilität und Infektion, wofür andere Diagnostikmethoden indiziert sind (3-5). Abnutzungsassoziierte Lockerungen werden erst nach 10 Jahren häufiger.
Für die Hüftendoprothetik konnte das zeitliche Auftreten von Revisionen nach der Primärimplantation nicht ausreichend erfasst werden. Allerdings treten abriebbedingte Osteolysen als ein wesentlicher Revisionsgrund verstärkt nach 5 Jahren auf. (6)
Das US-amerikanische National Institutes of Health (NIH) Consensus Committee und die AAOS (2,7) empfiehlt daher eine unumgängliche Jahreskontrolle und gefolgt - nach der unauffälligen postoperativen Kontrolle - erst ab dem 5. postoperativen Jahr in 2-3 Jahresabständen Kontrollen durchzuführen. Diese sollen durch den Facharzt durchgeführt werden.
Bei neu eingeführten oder Spezialimplantaten ohne belastbare 5-Jahres-Ergebnisse in internationalen Registern sollten engere Kontrollen erfolgen.
Die empfohlenen Kontrolluntersuchungen sollten den Patienten/-innen nach der Operation mitgeteilt werden, damit sie/er informiert und selbstbestimmt diese Kontrollen wahrnehmen kann.
Die OrthoBase AG richtet sich nach dem internationalen Konsens zu «Nachkontrollen nach Endoprothetik» und beurteilen Patienten sowohl klinisch als auch radiologisch in folgenden Intervallen:

- 6 Wochen nach der Operation
- 1 Jahreskontrolle
- 5 Jahreskontrolle
- Anschliessend alle 3 Jahre
Bei vorzeitigen Beschwerden ist eine vorgezogene Untersuchung notwendig.

@ Ben Schulz

Literaturnachweise:
1. Dr. Henning Bobzin, A.N., Roland Tremmel, IQTIG 2017 - Qualitätsreport 2016. https://www.iqtig.org/downloads/ergebnisse/qualitaetsreport/I
QTIG_Qualitaetsreport2016.pdf, 2016. ISBN 978-3-9818131-1-1.
2. Teeny, S.M., et al., Long-term follow-up care recommendations after total hip and knee arthroplasty: results of the American Association of Hip and Knee Surgeons' member survey. J Arthroplasty, 2003. 18(8): p. 954-62.
3. Thiele, K., et al., Current failure mechanisms after knee arthroplasty have changed: polyethylene wear is less common in revision surgery. J Bone Joint Surg Am, 2015. 97(9): p. 715-20.
4. Sharkey, P.F., et al., Why are total knee arthroplasties failing today‑has anything changed after 10 years? J Arthroplasty, 2014. 29(9): p. 1774-8.
5. Postler, A., et al., Analysis of Total Knee Arthroplasty revision causes. BMC Musculoskelet Disord, 2018. 19(1): p. 55.
6. Bozic, K.J., et al., The epidemiology of revision total hip arthroplasty in the United States. J Bone Joint Surg Am, 2009. 91(1): p. 128-33.
7. Ries, M.D. and T.M. Link, Monitoring and risk of progression of osteolysis after total hip arthroplasty. Instr Course Lect, 2013. 62: p. 207-14.
8. Sundberg, M.L., L. Dahl, A. Robertsson, O., Swedish Knee Arthroplasty Register - Annual Report 2016. 2016.
9. Australian Orthopaedic Association National Joint Replacement Registry (AOANJRR). Hip, Knee & Shoulder Arthroplasty: 2022 Annual Report, Adelaide; AOA, 2022: 1-487. [Accessed from: https://aoanjrr.sahmri.com/annual-reports-2022]